Volume
DeafMInd Volume 2-1 - 2025
Slavchova, V., Knispel, J. & Arling A.
Der vorliegende Beitrag untersucht, wie hörende Menschen taube und hochgradig schwerhörige Personen in alltagsnahen Interaktionssituationen wahrnehmen und in welchem Ausmaß dabei individuelle Verunsicherung auftritt. Vor dem Hintergrund sozialpsychologischer Theorien zu Selbstkategorisierung, sozialer Identität und Stigmatisierung wird analysiert, welche psychologischen Faktoren Inklusion fördern oder hemmen können.
In einer quantitativen Online-Studie (N = 178) wurden mithilfe standardisierter Vignetten Verunsicherungsreaktionen hörender Personen in vier Alltagsszenarien erhoben, die unterschiedliche Behinderungsformen abbildeten (Hörbehinderung, Sehbeeinträchtigung, Angststörung, Schizophrenie). Ergänzend wurden positive, neutrale und negative Kontakterfahrungen sowie Berührungsängste erfasst.
Die Ergebnisse zeigen, dass hörende Personen im Kontakt mit tauben und hochgradig schwerhörigen Menschen ein mittleres Maß an Verunsicherung berichten. Dieses ist vergleichbar mit Reaktionen auf psychische Erkrankungen, jedoch deutlich höher als bei sichtbaren körperlichen Beeinträchtigungen. Zentrale Einflussfaktoren sind dabei Berührungsängste sowie negative Kontakterfahrungen, die signifikant mit höherer Unsicherheit korrelieren. Demgegenüber stehen positive und insbesondere neutrale Kontakterfahrungen in einem negativen Zusammenhang mit Verunsicherung und wirken inklusionsförderlich.
Die Befunde legen nahe, dass Unsicherheit im Umgang mit Hörbehinderung weniger auf ablehnende Einstellungen als auf mangelnde Handlungssicherheit, fehlendes Wissen über Gebärdensprache und kommunikative Barrieren zurückzuführen ist. Der Beitrag diskutiert diese Ergebnisse im Kontext von Inklusionsforschung, DeafGain-Ansätzen und epistemischen Zugängen zu Kommunikation und Teilhabe. Abschließend werden Implikationen für Bildung, Arbeitswelt und gesellschaftliche Sensibilisierung abgeleitet, wobei der gezielte Ausbau von Kontaktmöglichkeiten und Wissen über visuell-räumliche Kommunikation als zentrale Ansatzpunkte zur Reduktion von Unsicherheit hervorgehoben wird.
Slavchova, V., Knispel, J. & Arling A.(2025). Wahrnehmung und Unsicherheit hörender Menschen im Kontakt mit tauben und hochgradig schwerhörigen Personen in Alltagssituationen. DeafJournal, Vol. 3, 2-1. LINK
Einleitung
Wenn sich Menschen im Alltag begegnen, nehmen sie einander wahr. Dabei registrieren sie Merkmale wie Haarfarbe, Körpergröße, Geschlecht, äußeres Erscheinungsbild, Ausdruck und Mimik (Fiske & Taylor, 2017). Auch eine Hörbehinderung, etwa sichtbar durch Hörhilfen oder die Nutzung von Gebärdensprache, kann als solches Merkmal wahrgenommen werden (Slavchova, 2021). Diese Wahrnehmungs- und Urteilsprozesse laufen meist automatisch und in Sekundenbruchteilen ab und ermöglichen eine schnelle soziale Einordnung (Bar, 2003). Gleichzeitig stehen sie im Widerspruch zum Inklusionsprinzip, das besagt, dass alle Menschen unabhängig von individuellen Merkmalen gleichwertig sind. Genau diesem Spannungsverhältnis widmet sich der vorliegende Beitrag. Inklusion wird als Idealzustand definiert, in dem alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben, unabhängig von ihren individuellen Merkmalen (§4 SGB IX).
Teilhabe bezieht sich dabei auf soziale Beziehungen, Bildung, Erwerbsleben und Freizeitgestaltung. Besonders relevant ist dieses Thema für taube und hochgradig schwerhörige Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind. Mit dem Bundesteilhabegesetz wurde die gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung dieser Zielgruppe gestärkt (BAG für Rehabilitation, 2019).
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Doch obwohl Teilhabe gesetzlich verankert ist, wird sie in der gesellschaftlichen Praxis nicht vollständig umgesetzt. Statistiken zeigen weiterhin deutlich höhere Arbeitslosigkeitsraten und längere Beschäftigungslücken bei Menschen mit Schwerbehinderung, trotz vergleichbarer oder sogar besserer Qualifikation (Inklusionsbarometer Arbeit, Aktion Mensch, 2019). Das betrifft auch Menschen mit Hörbehinderung.
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