Volume 1 (2024) · Article 4-2 · German Sign Language version
Volume 1 (2024) · Article 4-2 · German Sign Language version
Grote, K., Wegner, S., Stenzel, M. & Karar, E.
Der Artikel von Grote et al. (2024) beschreibt die schwerwiegenden Folgen von Sprachdeprivation und fehlerhaften Diagnosen bei tauben Kindern mit kognitiven und sprachlichen Beeinträchtigungen in medizinischen Zentren, spezialisierten Bildungseinrichtungen und Förderschulen. Die Autoren argumentieren, dass ein Mangel an sprachlichem Input, insbesondere während der kritischen Phase des Spracherwerbs, zu bleibenden Gehirnschäden führen kann und als Sprachdeprivationssyndrom (SDS) bekannt ist. Dieses Syndrom manifestiert sich in komplexen neurologischen Entwicklungsstörungen und beeinträchtigt kognitiv-soziale Fähigkeiten.
Die Studie weist darauf hin, dass bis zu 70% der tauben Kinder in den ersten Lebensjahren unter Sprachdeprivation leiden, was auf die bevorzugte Vermittlung von Lautsprache statt Gebärdensprache zurückzuführen ist. Hörende Eltern und medizinisches Fachpersonal konzentrieren sich oft auf den Lautspracherwerb, ohne die potenziellen Schäden durch Sprachdeprivation zu erkennen. Die Studie kritisiert die mangelnde Wertschätzung für Gebärdensprachen und die fehlgeleiteten Empfehlungen für den Spracherwerb bei einer Cochlea-Implantation (CI). Letzters führt aktuell weltweit zu einer Sprachdeprivations-Epidemie.
Die Forschung zeigt, dass Sprachdeprivation zu einem reduzierten kortikalen Wachstum im Gehirn führt und somit zu einer dauerhaften kognitiven Behinderung. Die Symptome des SDS können die Lebensführung stark beeinträchtigen und zu kognitiven und psychosozialen Problemen führen. Der Artikel betont, dass die fehlende Anerkennung des SDS in den ICD-Klassifikationssystemen und die unzureichende Ausbildung des medizinischen und pädagogischen Personals zu einer unangemessenen Diagnostik und Behandlung führen.
Ein Fallbeispiel illustriert, wie ein taubes Kind fälschlicherweise als geistig behindert diagnostiziert wurde, weil die verwendeten psychologischen Testverfahren für taube Kinder ungeeignet waren. Die Autoren fordern eine bessere Ausbildung der Fachkräfte, die mit tauben Kindern arbeiten, und eine Überprüfung der diagnostischen Verfahren, die üblicherweise eingesetzt werden.
Die Autoren plädieren für eine gesetzliche Verpflichtung zum Erlernen von Gebärdensprache für gehörlose Kinder, um Sprachdeprivation vorzubeugen und eine angemessene neuronale Entwicklung bei taub geborenen Kindern zu gewährleisten. Sie argumentieren, dass dies die kognitive Entwicklung, die sozialen Kompetenzen und die Identitätsfindung der Kinder fördern und sie vor einer sozial induzierten kognitiven Behinderung schützen würde.
Die Autoren liefern eine umfassende Analyse der Probleme, die durch Sprachdeprivation und fehlgeleiteter Diagnostik bei gehörlosen Kindern entstehen, und appelliert an die Gesellschaft, die Rechte und Bedürfnisse dieser Kinder zu schützen und eine inklusive Umgebung zu schaffen, in der sie eine ausreichende sprachliche Stimulation erfahren, um sich kognitiv-emotional normal entwickeln zu können.
Grote, K., Stenzel, M., Wegner, S. & Karar, E. (2024). Die verheerenden Auswirkungen von Sprachdeprivation und fehlgeleiteter Diagnostik bei tauben Kindern mit kognitiven und sprachlichen Störungen in medizinischen Zentren, Förder- und Bildungseinrichtungen [German Sign Language version]. DeafJournal, 1 , Article 4-2.
Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass die meisten der taub geborenen Kinder in den ersten Lebensjahren einen Mangel an sprachlichem Input erfahren. Sie befinden sich in einem Zustand der Sprachdeprivation (Dougherty, 2019), der von schwer bis leicht reichen kann. Besonders oft betroffen sind Kinder, die hörende Eltern haben (ca. 90%) und im Kontext einer CI-Implantation lediglich an die Deutsche Lautsprache herangeführt werden.
Die für taube Kinder schwer zugängliche lautsprachliche und schriftsprachliche Umgebung der HK-Schulen hat sich durch das Fehlen vieler DGS-kompetenter Kinder, die nun in Regelschulen unterrichtet werden, noch weiter zu einem sprachdeprivierten Lebensraum entwickelt, mit den entsprechenden negativen Auswirkungen auf die kognitiv-soziale Entwicklung.
Das bedeutet, dass es sich bei dem Sprachdeprivationssyndrom (SDS) um eine dauerhafte, sozial induzierte, lebensverändernde kognitive Behinderung handelt, die bei Hörenden selten auftritt, aber laut Gulati (2019) seit Ende des 20. Jahrhunderts in der gehörlosen Bevölkerung epidemische Ausmaße angenommen hat. Die medizinische Behandlungsmethode der CI-Implantation, die oft mit mangelnder Wertschätzung gegenüber der der Gebärdensprache geprägt ist sowie die Akzeptanz von Praktiken an gehörlosen Kindern, die eigentlich gegen alle Regeln der medizinischen Ethik verstoßen, haben zu einer katastrophalen Entwicklung bei taub geborenen Kindern geführt, die langfristig im Erwachsenenalter nicht mehr umkehrbar ist (Hecht, 2020).
Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist noch nicht angekommen, wie wichtig die Erstsprache (L1) für unser Denken ist und dass ein ausgeprägter Sprachmangel bei Kindern in den ersten Lebensjahren zu einer neuronalen Fehlentwicklung des Gehirns und damit zu einer kognitiven Behinderung führt.
Gebärdensprachen auf der ganzen Welt stimulieren ebenso wie die aktuell esistierenden Lautsprachen den vollständigen natürlichen Spracherwerb und die damit verbundene kognitive Entwicklung des Gehirns (Hall et al. 2017; Mayberry et al. 2011; Mayberry und Kluender 2017; Schick et al. 2007). Obwohl die Deutsche Gebärdensprache nicht verschriftet ist, verbessert früher Gebärdensprachunterricht nachweislich das Lesen und Schreiben einer Schriftsprache, die auf einer Lautsprache basiert, insbesondere auch bei CI-implantierten Kindern (Davidson et al. 2014).
Da Literalität in unserer Gesellschaft hoch bewertet wird und eine literale Kompetenz für unser Bildungssystem enorm wichtig ist, werden die nicht verschriftlichten Gebärdensprachen als minderwertig angesehen und von vielen Lehrkräften immer noch als eine Art Hilfs- oder Unterstützungssystem verstanden. Die Genialität, die einem Schriftsystem inhärent ist, ist jedoch nicht die Alphabetisierung der Lautsprache, sondern grundsätzlich die Fixierung von Wissen mittels eines externen Mediums.
Angesichts der enormen Aufmerksamkeit, die dem korrekten Lesen und Schreiben im letzten Jahrhundert geschenkt wurde, ist es wichtig und an der Zeit, darüber zu reflektieren, welche Bedeutung bestimmte Aspekte dieser Fertigkeiten in Zukunft haben werden. Die korrekte Entschlüsselung schriftlicher Mitteilungen wird vermutlich immer wichtig sein. Bei der korrekten grammatikalischen Kodierung von schriftlichen Botschaften und bezüglich der Rechtschreibung können gehörlose Menschen jedoch enorm von den sich entwickelnden Schreib-, Übersetzungs- und Formulierungswerkzeugen der KI profitieren.
Tatsächlich wird durch unzureichenden oder fehlenden sprachlichen Input eine soziokulturell bedingte neuronale Entwicklungsstörung ausgelöst (Hall et al., 2017), die als eine Form der ‚neuronalen‘ Körperverletzung bezeichnet werden kann und in einer kognitiven Behinderung mündet. Dies stellt eine Verletzung des Rechts auf körperliche und seelische Unversehrtheit dar und kann somit als Kindeswohlgefährdung angesehen werden (Löffelholz, 2017).
Entspricht die Durchführung eines psychologischen Testverfahrens und auch der Test selbst nicht den psychometrischen Standards der Objektivität, Fairness, Reliabilität und Validität, wird gegen die Sorgfaltspflicht, die für die Durchführung psychologischer Testverfahren unabdingbar ist, verstoßen und das Testergebnis verliert an Aussagekraft und diagnostischer Sicherheit. Es kann zur Diagnoserstellung nicht herangezogen werden.
Der Einsatz von Testverfahren mit lautsprachlichen Anweisungen und Testitems sollte bei tauben Kindern, die nicht in der Lage sind, lautsprachliche Testinhalte ausreichend auditiv zu verarbeiten, nicht eingesetzt werden. Wird das Testverfahren dennoch eingesetzt, könnte es sich dabei um eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Kindes handeln. Letzteres sollte Audiologen und Pädagogen, die in ihren Institutionen diagnostizieren, bewusst sein.
Die testdurchführende Person hatte den Eindruck, das Kind würde die Aufgaben lediglich willkürlich bearbeiten. Und dennoch wurde dem Kind am Ende auf der Basis dieser Testung mit dem SON-R 6-40 ein Gesamt-IQ von 65 bescheinigt. Hier muss dringend reflektiert werden, weshalb es hier überhaupt zu einer Gesamt-IQ-Diagnose kam, obwohl die Testleiterin selbst von einer ‚Willkürlichkeit der Testbearbeitung‘ berichtet hat und der SON-R 6-40 keine Erstellung eines Intelligenzprofils im Sinne eines Gesamt-IQs erlaubt.
Diagnosen wie ‚Lernbehinderung‘ oder ‚geistige Behinderung‘ können bei tauben Kindern nicht auf der Grundlage psychologischer Testverfahren gestellt werden, die das Hören und Verstehen lautsprachlicher Testanweisungen voraussetzen. Die Anwendung solcher Verfahren bei tauben Kindern stellt nicht nur einen Eingriff in deren Persönlichkeitsrechte dar, sondern erzeugt darüber hinaus eine psychische Stresssituation, die bei sehr jungen Kindern missbräuchlich und unter Umständen - bei wiederholter Konfrontation mit einer solchen Situation - sogar traumatisierend wirken kann.
Ein ausreichend intensives und kontinuierliches gebärdensprachliches Sprachangebot durch ein geeignetes Maßnahmenpaket erscheint angesichts der bereits verstrichenen Zeit, in der das Kind viel sprachlichen Input verpasst hat, dringend erforderlich. Dies würde dem Kind zumindest die Chance eröffnen, einen sprachlichen Anschluss zu finden und eine semantisch kohärente Sprachkompetenz in einer L1 aufzubauen.
Angesichts der verheerenden Folgen einer Epidemie von Sprachdeprivation ist die Einführung einer Gebärdensprachpflicht für taub geborene Kinder zu erwägen. Dies würde den Kindern einen natürlichen Spracherwerbsprozess, eine adäquate kognitive und emotionale Entwicklung ermöglichen und präventiv gegen eine Sprachdeprivation, die sozial induziert ist, wirken.
Die bisherige Praxis zeigt jedoch, dass ein Antrag auf Hausgebärdenkurse oft mit monate- oder jahrelangen Antrags- und Klageverfahren seitens der Eltern verbunden ist. Obwohl die Rechtslage eindeutig ist, werden aufgrund von Einzelfallentscheidungen ungenügend geschulter Sachbearbeiter negative Bescheide verschickt.
Durch eine gesetzliche Verankerung einer Gebärdensprachlernpflicht wird sichergestellt, dass das Schicksal gehörloser Kinder nicht mehr dem Zufall überlassen bleibt und in den Händen von hörendem Personal liegt, sondern dass die Gesellschaft dafür Sorge trägt und Verantwortung übernimmt, dass taube Kinder vor sprachlicher Deprivation und einer neuronal sozial-induzierten Körperverletzung geschützt werden. Dies trägt zum Schutz ihrer grundlegenden Menschenrechte bei und stellt sicher, dass sie nicht behindert werden.
Die rechtliche Verpflichtung sollte aufgrund der Dringlichkeit, epidemische sozial-induzierte geistige Behinderungen aufgrund von Sprachdeprivation in der Kindheit zu verhindern, zeitnah eingeklagt oder bestehende Gesetze sollten entsprechend verändert werden, um die Aufmerksamkeit des Gesetzgebers auf das Thema zu lenken und politischen Druck für Veränderungen zu erzeugen.
No comments yet