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Volume 1 (2024) · Article 1-2 · German version
Topic: DeafMind
Mathematische Textaufgaben erfordern komplexe Modellierungs- und Übersetzungsprozesse. Für taube Schülerinnen und Schüler mit Deutscher Gebärdensprache als Erstsprache stellen sprachlich-lineare Aufgabenformate eine besondere Hürde dar. Eine empirische Voruntersuchung zeigt, dass eine bloße Übersetzung in DGS zwar das Textverständnis verbessert, jedoch nicht ausreicht, um mathematische Modellierungsprozesse zu initiieren. Erst durch eine visuell strukturierte, deafdidaktisch und mathematikdidaktisch adaptierte Darstellung wurde eine erfolgreiche Bearbeitung ermöglicht.
Staudt, B., Sieprath, H., Karar, E., Baclaci, M.Schmidt, D. & Grote, K.(2024). DeafDidaktisch-kritischer Blick auf mathematische TextaufgabenDeafDidaktisch-kritischer Blick auf mathematische Textaufgabenaf Journal, Volume 1, Issue 5-1 - 2024.
Eine deafdidaktische Fallanalyse am Beispiel einer Känguruaufgabe
Mathematische Textaufgaben gelten in der Mathematikdidaktik als zentrales Lern- und Diagnoseinstrument, da sie nicht nur rechnerische Fertigkeiten, sondern insbesondere Fähigkeiten des mathematischen Modellierens, der Situationsanalyse sowie des Repräsentationswechsels erfordern. Für taube Schülerinnen und Schüler, deren Erstsprache die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist, stellen Textaufgaben jedoch eine besondere Herausforderung dar, da sie häufig auf sprachlich-linearen und auditiv geprägten Darstellungsformen basieren.
Im Rahmen einer empirischen Untersuchung zur DeafDidaktik im Mathematikunterricht (Staudt, 2024) konnte wiederholt beobachtet werden, dass taube Lernende bei der Bearbeitung mathematischer Textaufgaben auf spezifische Verständnisschwierigkeiten stoßen, die nicht primär auf mangelnde mathematische Kompetenzen zurückzuführen sind. Vielmehr zeigen sich Brüche im Prozess des mathematischen Modellierens: beim Aufbau eines Situationsmodells, bei der Übersetzung sprachlicher Informationen in mathematische Relationen sowie bei der Koordination verschiedener Repräsentationsebenen.
Diese Beobachtungen wurden im DeafDidaktik-Team des SignGes Kompetenzzentrums für Gebärdensprache und Gestik der RWTH Aachen unter der Leitung von Dr. Klaudia Grote systematisch analysiert. Auf dieser Basis erfolgte eine deafdidaktische Modulation einer konventionellen mathematischen Textaufgabe, die ursprünglich für hörende Schülerinnen und Schüler konzipiert worden war. Ziel war es, exemplarisch zu zeigen, wie mathematische Textaufgaben so gestaltet werden können, dass sie die visuellen, sprachlichen und kognitiven Voraussetzungen tauber Lernender berücksichtigen und den Zugang zu mathematischem Denken eröffnen.
In einer empirischen Voruntersuchung wurde einem hörenden sowie einem tauben Kind im Alter von jeweils zehn Jahren eine sogenannte Känguruaufgabe präsentiert, ein Aufgabenformat, das typischerweise logisches Schlussfolgern, das systematische Ausschließen von Möglichkeiten sowie das flexible Operieren mit Relationen erfordert. Während das hörende Kind die Aufgabe zügig und korrekt lösen konnte, zeigte das taube Kind erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen, Strukturieren und Interpretieren der Aufgabenstellung.
DGS - Band 1 - Artikel 1-2 - 2024
EN - Volume 1 - Issue 1-3 - 2024
IS - Volume 1 - Issue 1-4 - 2024